Begin Again

Neuer Name, neue Frisur, neue Stadt: Hunderte Meilen von ihrer dunklen Vergangenheit entfernt will die junge Studentin Allie Harper noch einmal ganz von vorne beginnen. Alles, was ihr für den Neuanfang noch fehlt, ist ein WG-Zimmer. Als sie auf den unverschämt attraktiven Kaden White trifft, ist ihr klar: Dieser Kerl mit seinen Tattoos und der mürrischen Art ist so ziemlich der Letzte, mit dem sie sich eine Wohnung teilen will. Doch als alle Stricke reißen, bleibt Allie keine andere Wahl. Kaden, der eigentlich auf keinen Fall eine weibliche Mitbewohnerin haben wollte, stellt sofort Regeln fürs Zusammenleben auf: keine Gefühlsduselei und schon gar keinen Körperkontakt! Zunächst kein Problem, doch mit der Zeit kommen sich die beiden näher – und irgendwann weiß Allie nicht mehr, ob sie seine Regeln noch einhalten kann …

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Kapitel 1

White.

Ich starrte auf das Klingelschild. Den Kopf zur Seite geneigt hob ich meinen Finger, hielt dann aber inne und zog ihn in letzter Sekunde wieder zurück. Ich presste meine Lippen fest aufeinander und ballte die Hand zur Faust, während ich die Ereignisse der vergangenen Tage in Gedanken noch einmal an mir vorbeirasen ließ.

Wochenlange Streits mit meinen Eltern, 1079 Meilen und eine zwanzigstündige Autofahrt lagen hinter mir. Ich war bereits vorgestern in Woodshill angekommen, hatte seitdem zwei Nächte in einem heruntergekommenen Hostel verbracht, und während ich die ersten paar Stunden drauf und dran gewesen war, einfach wieder umzukehren, war mein Kopf jetzt schon viel klarer.

Denn ich hatte es geschafft. Ich war tatsächlich hier.

Wobei mein Start eindeutig anders verlief, als ich es mir vorgestellt hatte. Natürlich hatte ich mir meine neue Heimat aus der Ferne angeschaut. Oregons Gebirge, die Wälder und auch den Unicampus kannte ich bereits aus dem Netz. Gestern waren die Einführungsveranstaltungen für Erstsemester gewesen, und danach hatte ich angefangen, die Wohnungen zu besichtigen, die ich mir zuvor im Internet rausgesucht hatte. Scheinbar umsonst, denn bisher waren leider alle absolute Reinfälle gewesen. Aber immerhin war ich endlich in Oregon.

Freiheit.

Nur dieser eine Gedanke hatte mich durch die letzten Monate gebracht. Endlich mein eigenes Leben aufbauen zu können, endlich das tun und lassen zu können, was ich wollte. Die vergangenen neunzehn Jahre waren so verdammt beengend gewesen. Manchmal hatte ich mich wie ein Vogel gefühlt, der nur für wenige Minuten am Tag aus seinem Käfig herausgelassen wurde, um ein paar Kunststücke vorzuführen. Wenn man es als Kunststück bezeichnen konnte, auf Partys eine gute Figur zu machen, nett zu lächeln und mit fremden Menschen Small Talk zu halten, war ich eine ziemlich gute Künstlerin. Oder aber ein ziemlich eingeschränkter Vogel.

Der Schein stand bei meinen Eltern immer an oberster Stelle. Ich hatte elegant gesträhntes Haar und trug feinst geschnittene Designermode – das perfekte Lächeln dazu beherrschte ich auf Knopfdruck. Ich hatte immer perfekt sein müssen – zumindest nach außen hin. Deshalb war meine erste Amtshandlung als Collegestudentin gewesen (neben dem Packen von ein paar Kartons), in den nächstgelegenen Friseursalon zu gehen und meine lange blonde Mähne abschneiden und färben zu lassen. Jetzt umrahmten meine Wangen braune Spitzen. Zum ersten Mal seit Jahren trug ich meine Naturwelle – eine Sache, die Mom zutiefst missbilligt hätte. Sie hasste, dass ich sie von Dad geerbt hatte.

Jahrelang hatte sie mich alle vier Wochen in einen dieser Elite-Salons geschleift, in denen man bereits schräg beäugt wurde, sobald der Ansatz mehr als einen halben Zentimeter betrug. Sie hatte darauf bestanden, dass ich meine Haare honigblond färbte, damit meine ungewöhnliche Augenfarbe – eine Mischung aus grau und grün – bestmöglich zur Geltung kam. Schon als junges Mädchen hatte ich morgens extra früh aufstehen und mich mit dem Glätteisen abmühen müssen, damit meine Naturwellen gebändigt wurden und seidig mein Gesicht umrahmten. Damit war jetzt endgültig Schluss. Niemals wieder würde ich jemanden – und am allerwenigsten meine Mutter – meine verdammte Haarfarbe und -struktur kontrollieren lassen!

Jedes Mal, wenn die Spitzen meiner Haare, die nur noch knapp bis zum Kehlkopf reichten, an meinen Wangen kitzelten, erinnerte mich das an meine neugewonnene Freiheit. Die Frisur war quasi ein erster Schritt dahin gewesen, und auch wenn es albern erscheinen mochte: Ich fühlte mich wie ein neuer Mensch.

Allerdings hatte mir das noch nicht viel bei der Wohnungssuche gebracht. Für einen Platz im Wohnheim hatte ich mich gar nicht erst beworben. Ich hatte keine große Lust, eines Tages aufzuwachen und Mom in meinem Zimmer stehen und alles naserümpfend mustern zu sehen. Allein deswegen hatte ich mich lieber auf die Suche nach einer WG im Umkreis vom Campus gemacht – dort, zumindest hoffte ich das, würde sie mich nicht so schnell finden. Allerdings machte das für mich alles um einiges komplizierter, wie ich während der letzten anderthalb Tage hatte feststellen müssen.

Mal abgesehen davon, dass ich sowieso nur eine Handvoll Zimmer gefunden hatte, die an dem Tag frei wurden, an dem ich mein Bett im Hostel würde räumen müssen, hatte sich auch noch jede einzelne der Wohnungen als kompletter Reinfall erwiesen.

Bei der ersten Besichtigung war mein potenzieller Mitbewohner mehr an meiner Körbchengröße interessiert gewesen als an meinen schlechten Angewohnheiten. Bei dem Gedanken an diesen Perversling schüttelte es mich noch immer. Wenig besser war die junge Mutter, die penetrant nach Rauch gestunken und mich nicht nur als Mitbewohnerin, sondern vor allem als Babysitterin hatte haben wollen. In Wohnung Nummer sechs war ich einem Pärchen begegnet, das sich bereits bei der Besichtigung volle Kanne an die Wäsche ging. Und alle anderen Wohnungen waren entweder zugemüllt oder von Schimmel befallen gewesen. Keine Ahnung wieso, aber ich hatte mir die Suche nach einer Unterkunft leichter vorgestellt.

Gerade deshalb fiel es mir wahrscheinlich so schwer, die Klingel zur letzten Besichtigung zu drücken. Die Buchstaben des Klingelschilds waren inzwischen von hinten beleuchtet und brannten sich förmlich in meine Netzhaut.

White.

Das hier war meine letzte Chance. Weitere Wohnungsangebote hatte ich nicht gefunden. Wenn ich hier nicht Anfang nächster Woche einziehen konnte, würde ich auf der Straße sitzen. Zum Semesterbeginn war einfach alles ausgebucht. Ausnahmslos. Und außerdem wurden die Preise immer weiter in die Höhe getrieben. Die sieben Nächte im Zwölfbettzimmer kosteten mich jetzt schon ein halbes Vermögen. Auf meinem Konto lag zwar eine beachtliche Summe, aber eigentlich war das Geld nicht für ein schäbiges Zimmer mit elf Mitbewohnern und gemischtgeschlechtlichen Gruppenduschen gedacht gewesen.

Ich brauchte dringend diese Wohnung, und sollte ich sie nicht bekommen, dann würde ich mir für den Unistart wohl oder übel eine nette Parkbank suchen oder in meinem winzigen Auto schlafen müssen. Auf keinen Fall wollte ich zurück nach Denver. Die Option Aufgeben existierte einfach nicht. Ich würde hier mein neues Zuhause finden, koste es, was es wolle, und wenn ich ein paar Nächte unter freiem Himmel verbringen musste, dann sollte mir das auch recht sein. Solange ich nur nicht zurück nach Denver musste.

Ich atmete tief ein und drückte mit meinem Finger auf die Klingel. Während ich wartete, ließ ich die warme Abendluft in meine Lunge strömen. Ich spürte kaum den Druck, der sich in meiner Brust aufbaute.

Eins, zwei, drei, vier, fünf …

Im Stillen zählte ich und kniff die Augen zusammen.

Endlich erklang das Summen des Türöffners, und ich atmete ein letztes Mal tief ein, bevor ich mich gegen die Tür stemmte.

Mr K. White – seinen Vornamen kannte ich noch nicht – hatte in seiner E-Mail erwähnt, die Wohnung läge im zweiten Stock auf der linken Seite. Noch bevor ich einen Fuß auf die Treppe gesetzt hatte, hörte ich, wie sich über mir eine Tür öffnete, und kurz darauf ertönte gedämpftes Gemurmel, das deutlicher wurde, je weiter ich nach oben kam.

„Meine Nummer hast du“, säuselte eine weibliche Stimme.

Ein Räuspern. „Du weißt, dass ich …“

„Nichts Verbindliches, ich weiß, ich weiß. Das hast du mir unmissverständlich klargemacht.“

Im nächsten Moment ertönte ein verdächtiges Schmatzgeräusch. Ich hörte genauer hin. Ich war mir ziemlich sicher, dass da gerade jemand knutschte. Ehe ich mich versah, kamen mir Schritte auf der Treppe entgegen. Ich hatte gar nicht gemerkt, dass ich stehen geblieben war, und während ich nun weiter Stufe für Stufe nahm, richtete ich meinen Blick auf meine blau lackierten Zehennägel und meine silbernen Riemchen-Sandaletten. Eines der wenigen teuren Kleidungsstücke, die ich mitgenommen hatte. An ein paar Dingen hing ich mehr, als ich zugeben wollte.

Ein leises Seufzen erklang dicht über mir, und ich hob den Kopf. Im Vorbeigehen musterte ich das Mädchen, das mit Sicherheit aus der Wohnung gekommen war, die ich gleich besichtigen würde. Sie sah mich nicht an, sondern lief mit einem seligen, verträumten Lächeln an mir vorbei. Ihren geröteten Wangen und den zerzausten Haaren nach zu urteilen, war sie bis eben noch mit etwas ganzanderem beschäftigt gewesen.

Oh Mann.

Stirnrunzelnd stieg ich die letzten paar Stufen nach oben. Mr White konnte ich nirgends entdecken. Zögerlich lief ich den Hausflur entlang und sah mich nach beiden Seiten um. Am linken Ende stand eine Tür einen Spaltbreit offen. Das musste wohl die besagte Wohnung sein.

Ich drückte die Tür ein Stück weit auf und verharrte unschlüssig auf der Schwelle.

Der Flur war aufgeräumt, und ich konnte eine Garderobe sehen, an der spärlich ein paar Jacken hingen. Darunter standen verschiedene Sneakers sowie ein paar Engineer-Boots und Wanderstiefel. Anerkennend hob ich die Brauen. Die Schuhsammlung zeugte schon mal von vielfältigen Interessen. Ich traute mich über die Schwelle und betrat den schmalen Flur. Beim Anblick des hellen Laminats atmete ich erleichtert auf. Endlich mal kein Teppich. Hastig zog ich die Schuhe aus und stellte sie zu den anderen. Wenn ich in den vergangenen Tagen etwas gelernt hatte, dann, dass das einen guten Eindruck machte – man es bei dreckigem Teppich allerdings unbedingt bleiben lassen sollte.

„Sorry, Alter!“, erklang eine gedämpfte Stimme aus dem Zimmer, das direkt an den Flur angrenzte. „Ich habe eine geschlagene Stunde versucht, sie aus der Wohnung zu bekommen, ohne wie ein Arsch dazustehen. Aber manche verstehen einfach den Wink mit dem Zaunpfahl nicht …“

Wow. Das schien ja mal ein netter Typ zu sein.

Die Stimme wurde deutlicher. „Das war alles ziemlich kurzfristig mit der Besichtigung, aber schön, dass es noch geklappt hat.“

Ich hörte, wie er näher kam. Seine Schritte hallten über das Laminat.

„Wenn du mal ‘ne Braut da hast, bin ich der Letzte, der dich verurteilt. Zumindest so lange, bis …“

Mr White erschien im Türrahmen. Nicht nur ihm blieb der Mund offen stehen.

Ich sog hörbar die Luft ein.

Das Erste, was ich wahrnahm, war sein Oberkörper. Ein nackter, straffer Bauch, der von Muskeln nur so strotzte. Das Zweite waren seine Tätowierungen. Unwillkürlich legte ich den Kopf schräg und betrachtete die Tinte auf seiner gebräunten Haut. Blöd, dass ich meine Brille nicht dabeihatte. Die Schriftzüge auf seinen Unterarmen konnte ich nur verschwommen erkennen, und was die Ringe darstellen sollten, die sich um seinen Bizeps zogen, wusste ich nicht.

Heilige Mutter Gottes.

Er räusperte sich, und das riss mich aus meiner Trance.

„Was zur Hölle willst du hier?“

Völlig perplex starrte ich ihn an. Er war nicht viel älter als ich, höchstens ein oder zwei Jahre, und er hatte warme, karamellfarbene Augen, Bartstoppeln auf den Wangen und Haare, die oben länger und an den Seiten kürzer waren.

Endlich fand ich meine Stimme wieder. „Ich bin wegen der Besichtigung hier. Wir hatten gemailt“, blubberten die Worte viel zu schnell und aufgeregt aus mir hervor.

Mr White – in meinem Kopf nannte ich ihn immer noch so, was, wie mir sehr wohl bewusst war, an totaler Dämlichkeit grenzte – neigte den Kopf und musterte mich voll Argwohn. „A. Harper …“, murmelte er leise. Anschließend schien etwas in seinem Kopf einzurasten. Er ließ seinen Blick ein zweites Mal über meinen gesamten Körper wandern, dann verdunkelten sich seine Züge, und er schüttelte langsam den Kopf. „Nein.“

Nein? Wie, nein? Verwirrt erwiderte ich seinen kritischen Blick und setzte zu einer Antwort an, doch da wiederholte er: „Nein.“

„Was soll das heißen, nein?“ Ich verschränkte die Arme vor der Brust. „Natürlich haben wir gemailt!“

„Da muss ein Missverständnis vorliegen. Du wirst hier ganz sicher nicht einziehen“, sagte er und wandte sich ab. Dann verschwand er in Richtung … Ich hatte keine Ahnung in welche Richtung, schließlich hatte ich mir die blöde Wohnung noch überhaupt nicht ansehen können! „Du findest alleine raus“, rief er mir über die Schulter zu.

Mein Mund klappte erneut auf. Ich war sprachlos.

Der Typ war einfach verschwunden. Er hatte mich in seinem Flur stehen lassen, ohne mir auch nur eine Chance zu geben. Nicht mal ein einziges Wort des Textes, den ich mir für die Besichtigungen zurechtgelegt hatte, hatte ich loswerden können. In den letzten achtundvierzig Stunden hatte ich mich mit unglaublich viel Scheiße abgefunden, aber das hier … das hier war die Höhe.

In meinem Kopf brannte eine Sicherung durch, und ein frustriertes Quieken drang aus meiner Kehle. Mit stampfenden Schritten lief ich Mr White hinterher.

„Hey!“, rief ich aufgebracht und stürmte in einen Raum, den ich als helles, behagliches Wohnzimmer ausmachte. Der Blödmann hielt mitten im Gehen inne und drehte sich zu mir um. Seine Brauen hatte er verärgert zusammengezogen. „Du kannst mich nicht einfach rausschmeißen, ohne mir die Wohnung überhaupt gezeigt zu haben!“

Verwunderung blitzte in dem warmen Braun auf, das so gar nicht zu seiner unterkühlten Ausstrahlung passen wollte. „Und ob ich das kann.“ Jetzt verschränkte er die Arme vor der Brust, und ich konnte noch mehr Schriftzüge auf seinen Unterarmen erkennen. Wieder hörte ich dieses empörte Keuchen meiner Mutter in den Ohren, das sie manchmal ausstieß, wenn sie etwas absolut schrecklich fand.

„Nein, kannst du nicht. Wir haben gemailt, verdammt noch mal! Du hast mich zu einer Wohnungsbesichtigung eingeladen, und ich will jetzt wenigstens das Zimmer sehen und den Versuch bekommen, dich davon zu überzeugen, dass ich eine gute Mitbewohnerin wäre.“ Ich bemühte mich angestrengt darum, nicht zu fauchen. Gelingen wollte mir das nicht so recht.

Der Blödmann hob eine Braue und blickte mich herablassend an. „Wie gesagt, da liegt ein Missverständnis vor. Ich dachte, du wärst ein Kerl. Bist du aber definitiv nicht.“ Wieder sah er mich abschätzig von oben bis unten an. „Ich suche einen Mitbewohner, keine Mitbewohnerin.“ Er spuckte das Wort förmlich aus.

 

Meine Alarmleuchten flackerten inzwischen im Sekundentakt. Die anderen Besichtigungen waren allesamt schlimm gewesen, aber diese hier übertraf alles.

„Ist dir eigentlich klar, was ich in den letzten beiden Tagen erlebt habe?“, fing ich an, und mein Puls schoss immer weiter in die Höhe. „Ich wurde von einem Typen nach meiner Körbchengröße gefragt, der im Unterhemd in der Küche saß. In einem sehr dreckigen Unterhemd. Dreimal wurden mir sexuelle Gefälligkeiten als Mietpreis genannt, einmal sollte ich die hauseigene Nanny werden und zweimal konnte ich es nur gerade so verhindern, dass meine potenziellen Mitbewohner sich vor meinen Augen dem Koitus hingegeben haben!“ Inzwischen war ich richtig laut geworden, doch ich dachte nicht daran, meine Stimme zu senken. Der Wortschwall ließ sich nicht mehr stoppen, so aufgelöst war ich. Wenn ich nur gewusst hätte, wo sich in dieser gottverdammten Wohnung die Küche befand, wäre ich dort hingestapft, hätte nach einer Pfanne gegriffen und diesem arroganten Mistkerl eine übergebraten – so wie ich es vor Kurzem von Rapunzel in der Disney-Verfilmung gelernt hatte. „Ich war in Zimmern, deren Wände komplett schwarz waren vor Schimmel. Ich war in Wohnungen, die derart zugemüllt waren, dass man den Boden nicht ausmachen konnte. Im Ernst – ich wusste manchmal nicht, ob ich da auf Teppich oder etwas anderem stehe. Ich war in Appartements, wo es so sehr nach Gras gerochen hat, dass ich allein schon vom Geruch high geworden bin.“ Ich trat einen weiteren Schritt auf ihn zu und drückte die Schultern nach hinten. „Ich hatte einen absoluten Scheißstart in Woodshill, Alter. Also sag du mir nicht, dass ich einfach wieder verschwinden soll. Ich will dieses beschissene Zimmer sehen!“

Jetzt blickte er nicht mehr argwöhnisch drein, sondern einfach nur gleichgültig. So, als würde ich gerade kostbare Sekunden seiner Zeit verschwenden.

„Genau deswegen will ich keine Mitbewohnerin“, sagte er völlig ruhig. „Auf endloses Gebrabbel und emotionalen Weiberkram kann ich echt gut verzichten.“

Meine Schultern bebten, so heftig schoss das Adrenalin durch meinen Körper. Vermutlich war es keine schlaue Idee gewesen, den Kerl mit meinen Problemen zu überhäufen. Aber manchmal konnte ich einfach erst dann mit dem Reden aufhören, wenn alles raus war.

„Bist du fertig oder muss ich noch mehr davon über mich ergehen lassen? Falls ja, dann würde ich mir vorher gerne etwas anziehen“, fuhr er ungerührt fort und machte mich mit seiner Gleichgültigkeit noch rasender.

„Schön“, fauchte ich und drehte mich auf dem Absatz um – nur um gleich darauf über eine Stehlampe zu stolpern. Ich fluchte. Laut. Vor allem, als ich sein Lachen hinter mir hörte. Es klang dunkel, was mir bei jedem anderen Mann wahrscheinlich gefallen hätte. Aber sicher nicht bei diesem arroganten, überheblichen Mistkerl. Im Rausgehen hörte ich noch, wie ein Telefon klingelte. Es war ein Song von Fall Out Boy. Der Blödmann hatte also auch noch Musikgeschmack. Ich verspürte erneut den Impuls, wie eine Katze zu fauchen. Vielleicht sollte ich mir demnächst eine zulegen. So verbunden wie in diesem Moment hatte ich mich noch keinem Tier gefühlt.

Tränen der Wut brannten mir in den Augen, als ich wieder in meine Sandaletten schlüpfte. Ich wollte nicht zurück nach Denver, in ein Leben, das unecht war – so ähnlich wie Plastik.

Meine gesamte Persönlichkeit war eine Fassade gewesen, die meine Mutter nach ihren Wünschen errichtet hatte. Klar geworden war mir das erst vor knapp drei Jahren – an jenem Tag, als ich am eigenen Leib erfahren musste, wie weit sie tatsächlich bereit war zu gehen. Und als mein Vertrauen in sie zunächst erschüttert und letztendlich in tausend Teile zerschmettert wurde. Ich hatte geglaubt, dass meine Mom mich immer beschützen würde. Doch stattdessen hatte sie bloß den Schein aufrechterhalten und mir immer mehr Lügen aufgebürdet, die ich kaum hatte schleppen können. Seither war nichts mehr wie zuvor.

Ich schluckte schwer und versuchte, die negativen Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen.

Da inzwischen auch meine Hände vor Adrenalin bebten, brauchte ich diesmal länger, den Verschluss der Sandalette durch die kleine Öse zu bekommen. Gedämpft nahm ich die Stimme des Blödmanns wahr. Anscheinend telefonierte er. Wenige Sekunden später fluchte er laut.

Wieder hörte ich seine nackten Füße auf dem Boden, als er in den Flur kam. Verflucht, wieso hatte ich ausgerechnet diese Schuhe anziehen müssen? Vans hätten sich eindeutig besser zum schnellen An- und Ausziehen geeignet.

„Hey“, erklang seine Stimme hinter mir. Ich ließ meinen rechten Schuh offen und erhob mich langsam.

„Was?“, blaffte ich und starrte ihn wütend an.

Inzwischen hatte er ein enges marineblaues Shirt angezogen, das über seinem Torso spannte. Er verschränkte erneut die Arme vor der Brust und blickte mich mit zusammengezogenen Brauen an. „Mein anderer Anwärter ist gerade abgesprungen“, sagte er und hob seine Hand, in der er ein Smartphone hielt.

„Aha“, machte ich unbeteiligt und kramte in meiner Tasche nach dem Autoschlüssel.

Er atmete unüberhörbar aus und tippte so lange mit dem Fuß auf dem Boden herum, bis ich keine andere Wahl hatte, als ihn wieder anzusehen.

„Es wird Regeln geben“, fing er nach einer Weile an und kniff die Augen zusammen, als würde er mich scannen.

„Regeln? Wofür, wenn ich fragen darf?“ Meine Geduld war wirklich am Ende. Ich wollte einfach nur noch ins Hostel und mich in Selbstmitleid suhlen, bis ich mich genug aufgerappelt hatte, um nach neuen Inseraten zu schauen. Auf das Gelaber von unfreundlichen Mistkerlen konnte ich jetzt echt gut verzichten.

„Für dich. Wenn du das Zimmer willst, wird es Regeln geben, an die du dich halten musst.“ Er machte eine Armbewegung, die vermutlich einladend wirken sollte, und schlenderte zurück ins Wohnzimmer. Als würde ich ihm jetzt noch folgen!

„Ich will dein beschissenes Zimmer nicht!“, rief ich ihm hinterher, bückte mich und schloss nun endlich meine zweite Sandalette.

Sein Kopf erschien wieder im Türrahmen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Hör zu, ich brauche die Kohle und habe keinen Bock mehr, weiterzusuchen. Ständig springen mir die Leute ab.“

„Woran das wohl liegt …“, schnaubte ich.

Er ignorierte mich. „Und du hast eine Unterkunft dringend nötig. Also hör auf, dich anzustellen, und schau dir das Zimmer an.“

Ich öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber der Blödmann war bereits im Wohnzimmer verschwunden, ohne meine Reaktion abzuwarten.

Eigentlich wollte ich durch die Wohnungstür stürmen und sie geräuschvoll hinter mir zuknallen. Stattdessen hielt ich inne.

Wenn ich ehrlich war, waren allein schon dieser Flur und das Wohnzimmer schöner als alle Wohnungen, die ich gestern und heute gesehen hatte – und mit ziemlicher Sicherheit würde es netter sein, den Semesterstart hier und nicht auf einer Parkbank zu verbringen. Einen Blick in das Zimmer zu werfen, konnte nicht schaden. Egal, wie bescheuert der Kerl war – ich hatte heute schon so oft meinen Stolz zurückgestellt, auf ein weiteres Mal würde es jetzt auch nicht mehr ankommen.

„Also gut.“ Ich machte mir nicht noch mal die Mühe, meine Sandaletten auszuziehen, sondern ging direkt zurück ins Wohnzimmer. Jetzt, wo ich mich allmählich beruhigt hatte, konnte ich erst richtig wertschätzen, wie nett die Einrichtung war. Ein riesiges Sofa in U-Form, auf dem etliche Kissen drapiert waren, stand in der Mitte des Raumes, schräg dahinter war eine breite Fensterfront, hinter der ich einen Balkon erahnte. Rechts davon gab es eine offene Küche mit Stehtresen und einer großen Arbeitsfläche. „Wohnzimmer kennst du ja schon, da hinten ist die Küche. Hier ist das Bad“, sagte der Blödmann, während wir durchs Wohnzimmer liefen. Er machte eine vage Handbewegung in Richtung einer halb offenen Tür, und ich erhaschte einen Blick auf hellblaue Fliesen und eine große Badewanne, bevor wir vor einer letzten Tür zum Stehen kamen.

„Hier ist es. Nicht besonders groß, aber trotzdem besser als das Wohnheim.“

Er drückte die Klinke runter.

Mit angehaltenem Atem betrat ich den Raum.

Das Zimmer war tatsächlich klein. Dreizehn Quadratmeter vielleicht, aber die beige Wandfarbe und das Fenster, durch das das letzte Licht des Tages von draußen hereinschien, machten das wieder wett. Man sah dem Raum an, dass niemand mehr darin wohnte – bis auf einen Schreibtisch, einem weißen Drehstuhl, einem kleinen Regal und einem Bett war er vollkommen leergeräumt. Beim Anblick der fleckigen Matratze zog ich die Nase kraus. Was auf dem Teil schon alles passiert war, wollte ich lieber nicht wissen.

„Keine Sorge, Ethan holt sein Bett noch ab“, sagte der Blödmann mit einem Nicken in Richtung des besagten Möbelstücks. „Schreibtisch und Regal kannst du übernehmen, falls du magst.“

Ich nickte langsam und riss meinen Blick vom Bett los. Auch in diesem Zimmer war helles Laminat verlegt worden. Ich hob meinen Kopf und untersuchte jede einzelne Zimmerecke, ob auch nur das geringste Anzeichen von Feuchtigkeit zu erkennen war. Alles schien in Ordnung zu sein.

Dort drüben würde ich lernen können. Und wenn das Bett abgeholt worden war, würde ich ein Schlafsofa aufstellen, um Platz zu sparen. Vor meinem inneren Auge sah ich bereits den schönen Überwurf, den ich darauf ausbreiten würde. Und Lichterketten! In diesen Raum gehörten Lichterketten!

Mom hatte die Dinger immer gehasst, weil sie ihrer Meinung nach billig wirkten und nicht zum Rest der von ihr sorgfältig ausgewählten Einrichtungsgegenstände passten. Außerdem hatte sie mich immer ermahnt, dass ich zu alt für derartigen Kinderkram wäre, und sogar einmal, als ich mir heimlich welche von meinem Taschengeld gekauft hatte, unserem Dienstmädchen aufgetragen, sie sofort wieder zu entsorgen.

Oh ja, ich würde Lichterketten aufhängen. Und ich würde das ganze Zimmer mit Dingen vollstellen, die ich früher nie hatte haben dürfen, weil sie Moms Ansprüchen nicht genügt hatten.

Genauso wenig, wie dieser Kerl ihren Ansprüchen genügen würde, schoss es mir durch den Kopf. Wahrscheinlich würde sie bei seinem Anblick einen Herzinfarkt bekommen. Oder sich übergeben. Bei der Vorstellung musste ich beinahe lachen.

„Ich nehme es“, sagte ich, ohne weiter zu zögern. Ich drehte mich zu ihm um und blieb einen Moment lang an seinem grüblerischen Ausdruck hängen. Dann fuhr ich mit den Augen die Schreibschrift auf seinen Unterarmen entlang, und … ja, Mom würde definitiv auf der Stelle umfallen. Abgesehen von der Tatsache, dass ich mit diesem Zimmer ein Dach über dem Kopf haben würde, machte das die Wohnung umso reizvoller.

„Du kennst die Regeln noch nicht“, warnte er mich, aber in seinen Augen war nun auch ein amüsiertes Funkeln zu erkennen.

„Dann schieß mal los“, sagte ich und drehte mich noch einmal im Kreis. Bei keinem der anderen Zimmer hatte ich dieses Gefühl gehabt, das sich jetzt gerade in mir ausbreitete. Ich spürte instinktiv, dass ich mich hier wohlfühlen würde. Ganz gleich, an welche Regeln ich mich würde halten müssen.

Mr Auf-keinen-Fall-kommt-mir-eine-Frau-in-die-Wohnung ging langsam zum Schreibtisch. Rücklings lehnte er sich dagegen, die Arme noch immer verschränkt. Mittlerweile erschien mir die Haltung nicht mehr provozierend, sondern fast abwehrend.

„Erstens“, fing er an und hob einen Finger, „lässt du mich mit deinem Weiberkram in Ruhe. Mich interessiert es einen Dreck, was in deinem Leben abläuft, also dräng mir bloß nicht deine Gesellschaft auf! Es werden keine Mädelsabende auf meiner Couch veranstaltet, das Fernsehprogramm entscheide ich, und du kommst auch nicht tränenüberströmt an und heulst dich bei mir aus.“

„Damit kann ich leben“, erwiderte ich kühl.

„Zweitens“, fuhr er ungerührt fort, „hältst du die Klappe, wenn ich jemanden aufreiße. Ich kann gut drauf verzichten, mich in meiner eigenen Wohnung rechtfertigen zu müssen.“

„Mir doch egal, mit wem du was treibst“, schoss ich zurück, warf allerdings einen skeptischen Blick in Richtung der Tür. Sein Zimmer lag zwar auf der gegenüberliegenden Seite der Wohnung, aber wer weiß, wie laut er war. Ich runzelte die Stirn. Hoffentlich würde ich es nicht mitbekommen, wenn er mit jemandem rummachte.

„Und drittens …“ Er stieß sich vom Schreibtisch ab und baute sich dicht vor mir auf. Er überragte mich um einige Zentimeter, und ich musste den Kopf in den Nacken legen, um den finsteren Blick seiner Karamell-Augen zu erwidern. „… ist es mir scheißegal, wie heiß deine Beine in diesen Shorts aussehen.“

Hitze schoss in meine Wangen, doch ich zuckte nicht mal mit der Wimper.

„Wir beide werden unter keinen Umständen miteinander in der Kiste landen. Also mach dir keine Hoffnungen, hast du mich verstanden?“

Seine dunkle Stimme strich über mich hinweg, und sein Atem kitzelte an meiner Schläfe. Sofort fühlte ich ein Kribbeln in meinem Magen, das nichts mit dem Hunger zu tun hatte, der sich dort allmählich bemerkbar machte. Er roch angenehm – nach einer Mischung aus würzigem Duschgel und Minze. Angesichts dieser plötzlichen Nähe dauerte es einige Sekunden, bis ich verstand, was er da gerade von sich gegeben hatte.

„Tut mir leid, wenn das deinem Ego einen Knacks verpasst“, sagte ich trocken, „aber meinen Bedarf an Bad Boys habe ich schon vor Jahren gestillt.“ Was der Wahrheit entsprach. Ich hatte nicht vor, in absehbarer Zeit irgendwas mit einem Kerl anzufangen.

Damit hatte er nicht gerechnet. In seinen Augen flackerte Überraschung auf, bevor er sich übers Gesicht rieb und einen Schritt von mir wegtrat.

„Na dann, herzlich willkommen in der Casa de White.“ Er streckte den Arm aus und hielt mir seine Hand hin. „Ich bin Kaden.“

Für einen Moment war ich völlig perplex. Dann riss ich die Augen auf und machte einen aufgeregten Hüpfer. „Bedeutet das, ich habe das Zimmer?“, quiekte ich.

Kaden verzog das Gesicht. „Du verstößt jetzt schon gegen Regel eins.“

Ich hörte augenblicklich mit dem Hüpfen auf und senkte meine Stimmlage wieder in menschliche Höhen. „Sorry. Ich bin Allie.“ Inzwischen ging mir der neue Name von den Lippen wie Butter. Wahrscheinlich weil ich mich damit schon bei den vorausgegangenen Besichtigungen vorgestellt hatte.

Ich schlug ein. Kadens Hand war warm und rau. Der Blitz, den der Händedruck in meine Magengrube sandte, traf mich völlig unvorbereitet.

Ebenso wie das Kribbeln, das sich in mir ausbreitete, als Kaden begann, mit seinem Daumen Kreise auf meinen Handrücken zu zeichnen. Sofort riss ich meine Finger zurück und blickte ihn empört an.

„Ich wollte nur sehen, ob du Regel drei verstanden hast.“ Mit einem selbstgefälligen Grinsen vergrub er beide Hände in den Hosentaschen.

Ich schnaubte verächtlich. Der Kerl war zwar heiß, aber so unwiderstehlich nun auch wieder nicht. Seine sogenannten Regeln waren lächerlich und überflüssig. Mehrmals rieb ich über meinen Handrücken, um das Kribbeln zu vertreiben. Verdammt, warum musste er auch so warme Hände haben.

„Also, wann kann ich einziehen?“

Kaden zuckte mit einer Schulter und drehte sich in Richtung Tür. „Überweis mir die Miete und die Hälfte der Kaution, und das Zimmer gehört dir.“

Meinen Freudentanz vollführte ich erst, als er den Raum verlassen hatte.

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