Schattentraum: Hinter der Finsternis

Nach dem Tod ihrer Mutter wünscht sich Emma nichts sehnlicher, als der Finsternis zu entfliehen, die sie seitdem heimsucht. Womit sie dabei nicht rechnet, ist Gabriel, der plötzlich in ihr Leben tritt. Mit seinem arroganten Charme nimmt er ihre Gedanken völlig für sich ein. Doch die Dunkelheit lässt Emma nicht los. Alpträume, in denen ihr Schattenwesen erscheinen, machen ihr das Leben schwer. Und auch Gabriel ist nicht der, der er vorgibt zu sein – jede seiner Berührungen könnte sie in den Abgrund ziehen. Bald weiß Emma nicht mehr: Was ist Traum und was Wirklichkeit?

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Kapitel 1

Der Winter war fast vorüber und ich hielt mir die Hand vor Augen, um nicht vom Licht geblendet zu werden. Die Sonne war endlich wieder zum Vorschein gekommen, spähte durch die hohen Baumwipfel hindurch und verdrängte mit ihren Strahlen das triste Grau der letzten Monate. Sie gab mir neue Hoffnung und ich hatte das Gefühl, als ob sich meine melancholische Stimmung bei ihrem Anblick in Luft auflöste.

„Hübsch, nicht wahr?“

Mein Dad trat mit einer Kiste im Arm neben mich, schob das runde Brillengestell auf seiner Nase hoch und betrachtete das Haus, in dem er aufgewachsen war, mit zusammengekniffenen Augen. Ich nickte entschlossen.

Das alte Rotklinkerhaus war mit Efeu bewachsen und der Vorgarten verwildert, so wie ich es mochte. Weiter hinten im Garten konnte ich einen kleinen Teich und ein Gewächshaus erkennen. Es sah aus, als wäre es einem Bilderbuch entnommen.

Erstaunlich, wie sich innerhalb von ein paar Monaten das Leben derartig verändern konnte. Siebzehn Jahre waren innerhalb von wenigen Tagen in ein paar mickrige Kartons eingepackt worden, und nun stand ich hier, völlig gerädert von der knapp vierstündigen Autofahrt. Von unserer ehemaligen Heimat Kidlingtree, ein Fünfhundert-Seelen-Dorf im Norden Englands, nach Heffield, einer Kleinstadt mit knapp dreizehntausend Einwohnern weiter im Süden, war es ein ganz schönes Stück. Eine lange Strecke, die mich nicht nur von meinen ehemaligen Freunden und dem Umfeld trennte, von dem ich mich das letzte halbe Jahr über sorgfältig abgeschottet hatte, sondern hoffentlich auch von der Trauer, die ich zu überwinden nicht imstande gewesen war, wenn ich von einem der Dorfbewohner entdeckt und mit mitleidigen Blicken gefoltert worden war. Ich betrachtete mein neues Zuhause mit schräggelegtem Kopf.

„Da seid ihr ja endlich!“, dröhnte eine Stimme vom Hauseingang. Meine Großmutter kam uns schnellen Schrittes entgegen. Sie trug wie üblich eine bunte Schürze. Wahrscheinlich hatte sie wieder ein paar ihrer göttlichen Schoko-Cupcakes mit Buttercreme-Topping gebacken, auf die ich abfuhr, seit ich ein kleines Mädchen war. Ihr ehemals braunes, inzwischen größtenteils graues Haar war zu einem Dutt zusammengezwirbelt und auf ihrer linken Wange konnte ich eine Spur Mehl erkennen. Jede Wette, dass im Haus ein paar Leckereien auf uns warteten.

„Hi Grams“, sagte ich und musste ein Grinsen unterdrücken, als sie ihr Gesicht verzog. Sie hatte diesen Kosenamen noch nie gemocht, aber als Dreijährige war ich nicht imstande dazu gewesen, Grandma richtig auszusprechen. Ich war bei Grams geblieben.

Von all meinen Verwandten mochte ich Betty schon immer am liebsten, auch wenn sie recht forsch sein konnte. Vielleicht hatte mir ihre Gesellschaft gerade deshalb nach der Beerdigung am meisten Trost gespendet. Die mitfühlenden Blicke meiner ehemaligen Freunde waren nicht besonders hilfreich gewesen, eher im Gegenteil. Dadurch wurde ich tagtäglich an den schmerzhaften Verlust erinnert. Einer der Gründe, weshalb ich mich von meinem unmittelbaren Umfeld abgegrenzt hatte. Bettys unverblümte Art war einer der schmalen Halme gewesen, an den ich mich klammerte. Bereits kurz nach Moms Unfall bot sie uns an, bei ihr einzuziehen. Schließlich wohnte sie schon seit über einem Jahrzehnt allein in dem riesigen Haus und hatte die anstrengenden Untermieter satt. Es hatte zwar ein paar Monate gedauert, aber letztendlich sagte Dad zu und wir begannen, unsere Habseligkeiten einzupacken. Erst als wir uns aufrafften und Moms Schrank ausmisteten, klickte es in meinem Hirn. Das war der Zeitpunkt gewesen, in dem ich aus meiner andauernden Betäubung aufwachte und realisierte, dass sie wirklich nicht mehr bei uns war. Dass ich morgens nicht mehr von ihrem Summen aus der Küche geweckt werden würde und nie wieder ihr warmes Lachen hören konnte, sobald Dad irgendeinen bescheuerten Witz riss. Zwar hatte ich ein paar Erinnerungen aufbewahrt, ein Halstuch, das sie von Dad zum zehnten Hochzeitstag bekommen hatte, und auch ihren Schmuck, aber was brachte mir das? Es war nicht dasselbe, wie ihre Stimme zu hören, ihr Lachen oder gemeinsam im Auto Songs aus Dirty Dancing zu schmettern. Sie war fort und würde nicht mehr zurückkommen. Das Einzige, was Dad und ich tun konnten, war, diesen Neuanfang zu wagen und nach vorne zu blicken, mit ihrer Erinnerung tief in unseren Herzen. Das war wertvoller als jeder zusammengepackte Umzugskarton.

Die Arme um unsere Schultern gelegt, lotste Grams uns durch das kleine Holztor in Richtung Hauseingang.

„Komm mit, Liebchen, ich zeige dir dein Zimmer“, rief sie und lief, ohne darauf zu achten, ob ich ihr auch folgte, die Treppen hinauf in das obere Stockwerk. Bei der Tür am Ende des Flurs angekommen, warf sie mir einen vielsagenden Blick über die Schulter zu, bevor sie beiseite trat und mich einließ, damit ich mein neues Reich in Augenschein nehmen konnte.

Der dunkle Dielenboden knarrte, als ich das Zimmer betrat. Sowohl die spärlich gefüllten Bücherregale als auch der Schrank gegenüber vom Bett bestanden aus Nussbaumholz, die Wände und Vorhänge waren dagegen cremeweiß. Vor dem großen Erkerfenster befand sich eine breite, gepolsterte Fensterbank, mit Kissen, die Grams sicherlich selbst bestickt hatte. Und obwohl der Raum ziemlich kahl war, fühlte ich mich auf Anhieb wohl.

Ich trat zu den Regalen und betrachtete einige der verstaubten Einbände.

„Das sind ein paar der Bücher, die dein Vater in seiner Kindheit gelesen hat. Das hier war mal sein Zimmer“, ertönte Grandmas Stimme vom Türrahmen.

Ich nickte gedankenverloren. Eigentlich war es nicht meine Absicht gewesen, Dad sein Zimmer zu stehlen.

„Ich lasse dich jetzt ein bisschen allein, dann kannst du deine Sachen auspacken. Wenn du noch etwas brauchen solltest, ich bin unten.“

„Danke Grams“, rief ich ihr hinterher und konnte hören, wie sie die Treppe hinabging.

Ich war froh, dass sie mir Freiraum ließ, damit ich ankommen konnte, und so begann ich, meine Sachen auszupacken. Meine Lieblingsbücher, eine Mischung aus ein paar Klassikern von Jane Austen, aber vor allem phantastischen Schinken wie Harry Potter oder die Narnia-Reihe von C.S. Lewis, stellte ich in die hohen Walnussholzregale. Meine anderen Habseligkeiten verstaute ich in dem großen Schrank auf der anderen Seite des Zimmers. Als ich die Türen wieder schloss, begegnete ich meinem eigenen, argwöhnischen Blick in den Spiegeltüren.

Das Haar hing mir wie ein Vorhang ins Gesicht. Eine Angewohnheit, die ich schleunigst wieder abstreifen musste. Hier kannte mich niemand. Ein Umstand, den ich zu meinen Gunsten nutzen wollte. Keine teilnahmsvollen Blicke mehr, keine behutsamen Berührungen an meinem Arm, auf die ich inzwischen allergisch reagierte. Jede Geste erinnerte mich an das, was ich verloren hatte. Auf diese Weise war es Dad und mir unmöglich gewesen, auch nur ansatzweise darüber hinwegzukommen. Ich war bereit dazu, wieder zu lächeln, auch wenn ich nachts noch oft von Albträumen gequält wurde.

Obwohl ich wieder leben wollte, suchte mich die Dunkelheit noch immer heim. Wenn ich mit meinen Gedanken allein war, konnte ich nicht umhin, über jenen unheilvollen Tag nachzudenken, sodass mir übel wurde.

Doch damit war jetzt Schluss. Mom hätte nicht gewollt, dass ich mich länger verkroch, da war ich mir sicher. Entschlossen fasste ich mein hellbraunes Haar zu einem hohen Pferdeschwanz zusammen, um mein Gesicht freizulegen.

Neuanfang.

 

***

 

Gleich nachdem wir unsere Sachen ausgepackt hatten, stand eine kleine Stadtführung im Zentrum Heffields an. Grams wollte uns ihr Café zeigen und Dad würde sich in der Bibliothek vorstellen, deren Leitung er zu Beginn nächster Woche übernehmen würde.

Grandmas Café lag mitten an der Einkaufsstraße, die an diesem sonnigen Tag recht gut besucht war. Von ihr zweigten viele Passagen mit liebevoll eingerichteten Läden ab. Am Schriftzug Betty’s war unschwer zu erkennen, welcher davon meiner Großmutter gehörte. Das Leuchtschild wirkte, als wäre es einem amerikanischen Diner entsprungen.

Genau wie ihr Heim war auch das Café kunterbunt eingerichtet – die gemusterten Sitzgelegenheiten stammten aus verschiedenen Garnituren, die Theke war bunt beladen und Schwarzweißfotografien von Hollywoodikonen wie Audrey Hepburn und Frank Sinatra hingen überall an den Wänden.

Da die Bibliothek nur wenige Minuten entfernt lag, schnappte sich Dad einen Kaffee zum Mitnehmen und sah sich bereits jetzt dort um. Ich dagegen ließ mich im Betty’s herumführen und lauschte der Geschichte des Cafés. Grams hatte es eröffnet, nachdem ihr Mann, mein Großvater Arthur, gestorben war. Leider konnte ich mich kaum noch an ihn erinnern, sein Tod lag bald fünfzehn Jahre zurück. Grams erzählte mir, dass sie nach seinem Tod nicht gewusst hatte, was sie mit sich anfangen sollte. Also beschloss sie, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben und den Menschen einen Ort zu bieten, wo sie sich wohlfühlen und zu sich selbst finden konnten. In den letzten Jahren hatte sie ihre gesamte Energie in das Café investiert, ihr ganzes Herzblut war hineingeflossen.

„Es ist umwerfend, Grams“, sagte ich und blickte mich noch einmal um. Das Gesamtbild war einladend und ich konnte mir gut vorstellen, hier in Zukunft meine Zeit zu verbringen.

„Danke, das freut mich. So, bestell dir, was du möchtest, es geht auf mich. Ich bin schnell noch einmal hinten, um die morgige Bestellung abzuschicken“, erwiderte Grams, trat durch die Klapptüren neben der Theke und verschwand in den Büroräumen.

Ich entschied mich für ein eisgekühltes Frappé und erntete von der Bedienung ein verständnisloses Kopfschütteln. Wahrscheinlich war eine heiße Schokolade bei den derzeitigen Temperaturen weitaus angebrachter, aber ich war den Winter leid. Das kühle Getränk schmeckte nicht nur vorzüglich, sondern erinnerte mich an den Frühling, den ich inbrünstig herbeisehnte. Sobald die Vögel anfingen zu singen, man von den ersten Sonnenstrahlen auf der Nase geweckt wurde und sich die Blumenknospen in Richtung Sonne öffneten, war ich um einiges fröhlicher gestimmt als in der Winterzeit. Und Fröhlichkeit konnte ich momentan echt gut gebrauchen.

Mit einem flüchtigen Nicken bedankte ich mich bei der Bedienung und machte mich auf den Weg zu den Fenstersitzen. Mit dem Frappé in der Hand und meinem Rucksack über der Schulter balancierte ich zwischen den Tischen hindurch. Ich schob mich gerade hinter dem letzten Tisch entlang, als der Typ, der dort saß, plötzlich mit seinem Stuhl nach hinten rückte. Mein Fuß verkeilte sich mit dem Stuhlbein, ich riss erschrocken den Mund auf und verlor das Gleichgewicht. Gleichzeitig erhob sich der junge Mann ruckartig, stieß mit seinem Ellenbogen in meine Seite und aus meinem Straucheln wurde ein harter Fall auf den Boden. Ich stürzte aufs Steißbein und stöhnte vor Schmerz auf.

Das Glas ergoss sich mit seinem eisigen Inhalt über mir und zerschellte direkt neben mir in tausend Teile. Es ging so schnell, dass ich nicht einmal darüber nachdenken konnte, wie bescheuert ich wohl gerade aussah. Aller Wahrscheinlichkeit nach wie ein begossener Pudel. Bestürzt wanderte mein Blick an dem Übeltäter hoch.

Der Fremde fuhr sich mit der Hand durchs wirre Haar und blickte auf mich hinab. In seinen Augen sah ich ein überraschtes Flackern.

Er sah unglaublich aus mit seinen leicht hervorstehenden Wangenknochen, dem Grübchen auf der linken Seite seiner geschwungenen Lippen und den dichten Brauen über außergewöhnlich dunkelgrünen Augen. Er funkelte mich an und ich erkannte, dass er für einen kurzen Augenblick innehielt. Ich hob schon die Hand, in der Erwartung, dass er mir seine reichte, um mir aufzuhelfen, doch auf halbem Weg hielt ich inne. Er machte keine Anstalten, mir seine Hand zu reichen. Im Gegenteil.

Er fuhr sich erneut durchs Haar und vergrub die andere Hand in der Hosentasche seiner Jeans.

Sein Grübchen vertiefte sich.

Dann verzog sich sein Mundwinkel und entblößte eine Reihe gerader, weißer Zähne.

Er grinste. Ein schiefes, bezauberndes Grinsen, dem ich in jeder anderen Situation womöglich verfallen wäre. Jedoch war das hier keine dieser Situationen. Der Typ hatte mich umgestoßen und besaß allen Ernstes die Frechheit, mich auszulachen!

„Hoppla“, sagte er nach ein paar ellenlangen Sekunden. Dann wandte er den Blick ab, machte einen übertrieben großen Bogen um mich und die kalte Pfütze, für die er mit verantwortlich war, und verließ schnellen Schrittes das Café.

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