Schattentraum: Mitten im Zwielicht

Zwei Monate sind vergangen, seit Emma von den Schatten gezeichnet wurde. Zwei Monate, in denen sie ihr Leben in vollen Zügen genossen hat – wären da nicht verblasste Erinnerungen, die sich immer wieder an die Oberfläche kämpfen. Als ein Abgesandter des Lichthofs es auf Emma abgesehen hat, muss sie sich erinnern. Doch die Wiedersehensfreude mit Gabriel währt nur kurz, denn er scheint verändert. Und auch Emma spürt, dass ihr Inneres von der Begegnung mit der Finsternis geprägt wurde. Können die beiden einander retten, bevor es zu spät ist?

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Prolog

Gabriel

Das geschäftige Treiben des Junisamstags rauschte an mir vorbei. Meine Hände vergrub ich in den Taschen meiner Jeans. Ich ballte sie zu Fäusten, grub die Fingernägel fest in meine Handflächen. Der Schmerz hielt mich davon ab, durch die Glastür des Cafés zu treten.

Wie oft war ich in den letzten zwei Monaten hier gewesen? Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Wieder und wieder hatte ich vor der Fensterfront gestanden und mit mir gehadert, immerzu darauf bedacht, mit meiner Umwelt zu verschmelzen, damit mich niemand entdeckte. Schon gar nicht sie.

Zu meiner großen Überraschung hatte der Glanz gewirkt. Ich war mir sicher, dass sie nur vergessen hatte, was geschehen war, weil sie die Manipulation aus freiem Willen zugelassen hatte. Die anderen Male waren Avalees und meine Versuche gescheitert. Wieso? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Vielleicht lag es an ihrer Starrköpfigkeit. An dem Verlust, den sie durchlitten hatte.

Doch es gab eine Sache, die ich mit Sicherheit wusste: Emma war etwas Besonderes. Das hatte ich bereits erkannt, als ich sie zum ersten Mal gesehen hatte. Ihre katzenhaften Augen waren vor Schreck geweitet gewesen, als ich gegen sie gestoßen war und sie auf dem Boden hatte liegen lassen. Schon damals hatte ich ein Flirren in der Luft bemerkt. Dieses Kribbeln, das jedes Mal meinen Rücken hinaufjagte und mich dazu brachte, die Hand einmal mehr ausstrecken zu wollen, als ihr guttäte.

Zahlreiche Leute saßen an den Tischen, fast alle Plätze waren belegt. Die Stimmen drangen selbst durch die geschlossenen Fenster an mein Ohr. Wenn ich aufmerksam hinhörte, könnte ich jedes einzelne Gespräch ausmachen, jedes der geflüsterten Geheimnisse erhaschen, die die Leute untereinander austauschten. Doch ich verdrängte das Gemurmel und ließ es in den Hintergrund rücken. Ich wollte niemanden belauschen. Zumindest nicht heute.

Sonnenstrahlen fluteten den Innenraum und ich erkannte feinste Staubkörnchen in der Luft. Eigentlich sollte die Wärme zu mir durchdringen, doch seit Wochen fühlte ich nichts als Kälte. Seit geraumer Zeit drang nichts mehr zu mir durch. Ich war taub, mürrisch und zu nichts zu gebrauchen. Deshalb kam ich hierher. Denn wenn ich sah, wofür ich das alles tat, dann setzte sich etwas in mir zusammen und brachte mich wieder zum Laufen. Zwar verbot ich mir, mehr als ein paar Sätze mit ihr zu wechseln, doch sobald ich sah, dass es ihr gut ging, fühlte ich mich besser.

Ich stieß ein verächtliches Schnauben aus. Was war ich nur für ein Weichei geworden, wenn derart abgedroschene Gedanken durch meinen Kopf jagten? Allerdings war es die Wahrheit. Wenn ich ihr dabei zusah, wie sie die Nase in einer Kaffeedose vergrub, tauchte ich für einen Moment aus der Dunkelheit auf, die mich seit Wochen umfing. Das war eine Tatsache, die ich nicht leugnen konnte.

„Du bist echt von allen guten Geistern verlassen, Bruderherz.“

Das Klackern ihrer Schuhe, das mit Avalees Ankunft grundsätzlich einherging, hatte ich nicht bemerkt. Sie trat neben mich, beide Arme vor der Brust verschränkt, die Augen zusammengekniffen. Das schwarz glänzende Haar floss weit über ihre Schultern hinaus, fast bis zum Bauch. Ihr Körper war von einem schwachen Flimmern umgeben. Ein Zeichen, dass auch sie sich mithilfe des Glanzes vor den Passanten der Einkaufsstraße abschirmte.

Erst wollte ich verneinen, doch sofort spürte ich den Druck, der sich jedes Mal in meinem gesamten Körper ausbreitete, sobald ich versuchte, eine Unwahrheit auszusprechen. Es fühlte sich an, als würde mich jemand würgen. Meine Luftzufuhr stockte, das Innere meines Halses wollte sich nach außen kehren. Also stoppte ich den unnützen Versuch, meine Schwester zu belügen.

„Vielleicht“, sagte ich leichthin.

Avalee schnalzte abfällig mit ihrer Zunge und ich besann mich darauf, wieder durch die Scheiben zu sehen.

Sie stand hinter der Theke, die Schürze mit den lächerlichen Punkten um ihre Hüfte geschlungen. Ihr hellbraunes Haar, das im Lichtschein golden schimmerte, war zu einem Pferdeschwanz gebunden. Einige Strähnen hatten sich daraus gelöst und umrahmten ihr Gesicht. Ihre Wangen waren gerötet, vermutlich durch die Hitze des Backofens und den beständigen Betrieb. Selbst aus dieser Entfernung konnte ich das Funkeln in ihren Augen sehen. Sie erinnerten mich an Bernstein, durch den Sonne hindurchschien. So lebendig.

„Ich wusste gar nicht, dass du Masochist bist, Gabe“, tönte es neben mir.

Ich ignorierte Ava. Sie hatte recht, mich zu piesacken. Als miserabler Bruder, der ich in den letzten beiden Monaten gewesen war, hatte ich es nicht anders verdient. Aber ich hatte ein Versprechen gegeben. Es gab ein paar unschöne Dinge, die erledigt werden mussten. Tatsachen, die meinen Kopf zum Zerbersten füllten und mich innerlich auseinandertrieben, sodass ich Momente der Klarheit bitter nötig hatte.

Emma gab mir diese Klarheit.

Mein Wunsch, zu ihr zu gehen, war beinahe übermächtig. Mit ihr zu sprechen, sei es auch nur über belanglose Sachen. Der Klang ihrer Stimme schenkte mir Ruhe. Sie gab mir die Zuversicht, dass meine Entscheidung richtig gewesen war. Bereits zwei Monate widerstand ich diesem unbändigen Drang. Ich hatte Ava gebeten, ein Auge auf Emma zu haben. Meine Schwester darauf anzusetzen war besser, als sie komplett schutzlos herumlaufen zu lassen.

„Du machst es nur schlimmer, Gabe“, fuhr Ava fort. „Nicht nur für dich. Auch für sie.“

Ich zwang mich, den Blick von Emma loszureißen, wandte mich meiner Schwester zu und sah sie fragend an.

Sie seufzte und wich meinem Blick aus. Stattdessen blickte sie auf ihre schwarz lackierten Nägel.

„Kannst du das Flackern nicht sehen?“, fragte Ava und schüttelte langsam den Kopf. „Ich nehme es jedes Mal wahr, sobald ich mit ihr spreche. Es wirkt, als wollten sich die Erinnerungen an die Oberfläche drängen, aber der Glanz lässt es nicht zu. Sie steht in ständigem Kampf mit sich selbst. Die Dunkelheit ist noch immer präsent.“

Ava legte eine Hand auf meinen Unterarm. Eine seltene Geste, besonders von meiner Schwester.

„Ich habe das Gefühl, du legst es darauf an. Ich meine, sieh sie dir doch mal an“, Avalee nickte in Richtung des Cafés.

Ich folgte ihrem Blick und beobachtete Emma. Sie wirkte normal. Sogar ziemlich glücklich, wenn ich ehrlich war. Ich sah an ihrem Gesicht hinab bis zu der Stelle, an der ich die Kette sehen konnte, die ich ihr zum Geburtstag geschenkt hatte. Der keltische Knoten sollte sie vor der Finsternis schützen. Und dafür sorgen, dass ihre Erinnerungen unter Verschluss blieben.

„Zwar trägt sie den Knoten noch, aber ich kann die Augenringe unter dem Concealer sehen.“

Ich wandte den Blick ab, sah stattdessen auf die Hand meiner Schwester. Auf ihre dunklen Nägel. Wieso sie sie immer in dieser scheußlichen Farbe anpinselte, wusste ich nicht. Mit fünfzehn hatte sie angefangen, ihre Garderobe auf den Kopf zu stellen. Kurz nachdem ich den Brief gelesen und erfahren hatte, wer unser Vater in Wirklichkeit war. Was wir in Wirklichkeit waren. „Concealer?“

„Hautfarbener Abdeckstift, mit dem man … darum geht es doch überhaupt nicht!“, fuhr Avalee mich an und ihre Hand löste sich von meinem Unterarm, nur um mir kurz darauf einen Klaps auf den Hinterkopf zu verpassen. Ich zuckte zusammen, Hitze wallte in mir auf.

Seit sich meine Fähigkeiten vor knapp fünf Jahren, als ich achtzehn Jahre alt gewesen war, vollends entfaltet hatten, waren meine Emotionen erhöht. Alles fühlte sich extremer an, jedes Gefühl trat verstärkt auf und pulsierte durch meinen ganzen Körper. Ich hatte Jahre gebraucht, um es zu beherrschen, und auch jetzt traf mich manche Emotion völlig unvorbereitet. Ich nahm einen tiefen Atemzug, ließ die Luft entweichen und hatte mich einen Moment später wieder unter Kontrolle.

„Ich will nur nicht, dass es dir schlecht geht.“ Avalee hatte leiser gesprochen, als ein Mensch es hätte verstehen können, doch ich machte jedes Wort aus, als wäre es direkt in meinen Gedanken erklungen. Erneut atmete ich tief ein und löste schließlich meine verkrampften Hände, um einen Arm um Avas Schulter zu legen.

„Ich weiß.“

Für einen Moment standen wir ruhig nebeneinander. Stille breitete sich zwischen uns aus. Nur das Gemurmel und die Schritte der Passanten waren zu hören. Es drang dumpf durch den Schutzwall des Glanzes, den wir um uns herum errichtet hatten und der uns mit der Sphäre verschmelzen ließ.

Plötzlich verkrampften sich meine Arme erneut. Doch dieses Mal setzte Wut meinen Körper in Alarmbereitschaft.

Ein Kerl trat an die Theke und beugte sich übertrieben weit darüber, sodass ihn nur wenige Zentimeter von Emma trennten. Er trug ein graues Sweatshirt und Jeans. Seine Schultern waren breit, das Haar strohblond und ich meinte, ihn bei einem der Fußballspiele gesehen zu haben, zu denen Ava mich manchmal schleppte. Unwillkürlich trat ich einen Schritt vor, wollte bereits nach der Türklinke greifen, als meine Schwester erneut meinen Arm packte.

Ich ballte die Hand zur Faust und sah sie an. Für einen Moment spiegelte sich Besorgnis in ihren Zügen. „Wir hatten eine Abmachung.“

Ich biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten. Mein Blick blieb an dem klobigen Kerl kleben, der sich einen Stift schnappte, die Kappe mit den Zähnen entfernte und etwas auf eine Serviette kritzelte. Vermutlich seine Handynummer. „Ich scheiß auf die Abmachung“, knurrte ich.

Dann streifte ich den Glanz ab, entriss Ava meinen Arm und stieß die Tür zum Café auf.

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