Schattentraum: Vor dem Lichtglanz

Seit Wochen trainiert Emma nun schon mit Belials Anhängern, um die Dunkelheit in ihrem Inneren zu kontrollieren – vergeblich. Währenddessen übt der Dunkelhof einen bedrohlichen Einfluss auf Gabriel aus. Um ihm das Leben zu retten, muss Emma ausgerechnet ihrem ärgsten Feind vertrauen. Doch auch der König der Finsternis verfolgt seine eigenen Ziele, vor allem, als der Dunkelhof von einem mächtigen Feind angegriffen wird. Bald steht Emma vor der schwersten Entscheidung ihres Lebens und muss sich der Frage stellen: Wer ist der wahre Feind?

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Prolog

Belial

Es war dunkel in dem abgetrennten Bereich, der hinter dem Trainingsraum lag. Einzig der Schein der Neonröhren aus dem Raum hinter der Scheibe sorgte für ein wenig Licht. Vermutlich hätte ich die Buchstaben auch ohne den schwachen Schimmer ausmachen können – doch Bücher und Licht gehören einfach zusammen. Das gelbliche Flackern der Lampen gepaart mit dem Rascheln der Seiten unter meinen Fingern ließ mich mein Umfeld ausblenden. Einen solchen Moment der Ruhe hatte ich gerade bitter nötig, da der lästige Gancanagh seine Gefühle nicht im Zaum halten konnte.

Bei jedem Knall, der gedämpft zu uns drang, zuckte er zusammen, als sei er vom Blitz getroffen worden. Jedes Mal, wenn das Knacken von Knochen erklang, spannte sich sein Körper so sehr an, dass er bebte. Und immer, wenn Emma gerade dabei war, endlich ihren inneren Kern zu finden, und versuchte, die Finsternis zu greifen, stockte ihm der Atem, bis er kurz darauf die Luft hörbar wieder entweichen ließ.

Er machte mich wahnsinnig.

Nur mit Mühe unterdrückte ich den Impuls, ihm das Genick zu brechen oder andere Dinge mit seinem Körper anzustellen, die ihn auf jede erdenkliche Weise deformiert hätten. Allerdings wusste ich, dass mein Schattenmädchen dies keineswegs gutgeheißen hätte. Wobei dem Kerl ein blaues Auge oder ein paar angeknackste Rippen sicher nicht geschadet hätten.

Um solche Gedanken zu verdrängen, hatte ich mir Charles Dickens’ Große Erwartungen mit hierhergenommen. Ich benötigte die Ablenkung, denn sie half mir dabei, ihn nicht umzubringen.

Ein Donnern drang durch die Scheibe. Einen Moment später stieß Kent die Luft zwischen seinen Zähnen aus, sodass ein leises Pfeifen durch den Raum ging.

„Reiß dich zusammen.“

Ich blätterte um und fokussierte meinen Blick auf die Buchstaben. Ich nahm den Geruch von Schmerz wahr. Bitter, versetzt mit einer scharfen Note. Angenehm, aber nicht allzu reizvoll. Wohingegen Gabriel Kents aufbrausende Gefühle einfach nur scheußlich schmeckten.

In meinem Brustkorb machte sich ein Ziehen bemerkbar, das mich dazu drängte, den Kopf zu heben und mir das Ausmaß der Zerstörung anzusehen. Doch ich spürte auch, dass sie keine schweren Verletzungen davongetragen hatte. Wäre das der Fall gewesen, hätte ich es gespürt. Und nicht nur das – eventuell hätte ich meinen Wächtern sogar Einhalt geboten. Aber ihr Limit war noch nicht erreicht. Dazu brauchte ich nicht durch die Scheibe sehen.

„Du zerstörst sie.“ Seine Stimme mutierte in meiner Gegenwart zu einem merkwürdigen Knurren. Er war wie ein verdammter Köter.

Dieser elende Versager. Besaß keinerlei Selbstbeherrschung, kannte sich kaum in unserer Welt aus, aber wollte mir Vorschriften machen, wie ich meinen Hof zu führen hatte. Ich erduldete seine Gegenwart nur, weil ich wusste, dass sie sonst nicht hier wäre. Und ich brauchte sie. Mein Hof brauchte sie.

Jetzt polterte etwas gegen das Panzerglas und Kent zuckte wieder zusammen. In der nächsten Sekunde wurde mir das Buch aus der Hand gerissen. Ich hob den Kopf.

Er konnte froh sein, dass ich im Gegensatz zu Emma wusste, wie ich die Finsternis in meinem Inneren zu kontrollieren hatte. Sie pulsierte in jeder Sekunde unter meiner Haut, setzte jeden meiner Gedanken in Flammen. Jedem anderen hätte ich jetzt den Kopf abgerissen. Oder seinen Körper von innen heraus geschmolzen, angefangen bei den Innereien, um es möglichst qualvoll zu machen. Unzählige Möglichkeiten seines Todes zogen an meinem inneren Auge vorbei. Sein stechend grüner Blick traf auf meinen.

Entzückend.

„Wie kannst du dasitzen und ein Buch lesen?“

Das Knurren wurde lauter. Mit der freien Hand fuhr sich der Halbfae durchs Haar, bis es wirr zu allen Seiten abstand. Mit seinen wutverzerrten Zügen sah er nun auch noch total verrückt aus. Als würde er jeden Moment den Verstand verlieren und seinen Kopf gegen die Scheibe hauen. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was Emma an ihm fand. Seine Gefühlswelt war zu aufbrausend, als dass ich sie hätte greifen können, und sein gesamtes Wesen war sprunghaft. Er war zu leidenschaftlich. Ihm fehlte Kontrolle, er war impulsiv und trug sein Innenleben für die halbe Welt zur Schau.

Mein Blick glitt in den Trainingsraum. Einer meiner Wächter, Rannach, baute sich vor Emma auf. Für einen Fae tierischer Abstammung war er ziemlich stämmig und hochgewachsen, er überragte sie um etliche Köpfe. Schwarze Hörner traten aus seiner Stirn und mündeten hinter langen, spitzen Ohren. Seine Wangen waren gewölbt, die Haut darüber schimmerte silbern. Er ging in die Knie und setzte zum Angriff an, wartete auf den richtigen Moment. Ich betrachtete das Spektakel eine Weile, bevor ich mich wieder an Kent wandte.

„Wenn sie verletzt wäre, wüsste ich es.“ Mehr sagte ich nicht. Ich würde mich mit Sicherheit nicht vor einem Gancanagh rechtfertigen, der offiziell nicht einmal meinem Hof angehörte.

„Das macht dich an, oder? Wenn sie Schmerzen hat“, stieß er hervor und verschränkte die Arme vor der Brust.

Nun, abstreiten konnte ich das nicht. Es hätte nicht der Wahrheit entsprochen.

Ich sah Emma an, betrachtete ihre Gesichtszüge, die erstaunlich blass gewordenen Wangen, auf denen ich bereits die ersten Blutergüsse ausmachen konnte, und ihre zusammengekniffenen Augen, die konzentriert auf Rannach lagen. Sie war in Schwarz gekleidet, trug die Sachen, die ich ihr für das Training bereitgestellt hatte. Ihre Knie waren gebeugt und ihre Hände hielt sie mit den Flächen nach vorne. Allerdings traten keine Schatten aus ihren Fingern.

Noch nicht.

„Sie hat die Grenze noch nicht überschritten.“ Ich blies mir eine widerspenstige Locke aus der Stirn.

„Sieh sie dir doch mal an.“ Kent stand so dicht bei der Scheibe, dass sie dicht vor seinem Gesicht beschlug. Ich fragte mich, ob er so überhaupt etwas sehen konnte. „Ich finde, für heute reicht es.“

„Deine Belange sind mir recht gleichgültig, Gancanagh.“

In einer fließenden Bewegung erhob ich mich und trat neben ihn. Ich spürte die Schatten kaum, fühlte bloß ihre wärmende Präsenz um meinen Körper. Sie reagierten nicht auf Emmas Gefühle. Da war nicht viel, von dem sie sich hätten nähren können – und es genügte noch lange nicht, um ihren finsteren Kern zum Vorschein zu bringen.

Rannach stieß seine Faust in blitzartiger Geschwindigkeit nach vorne, verfehlte seine Gegnerin aber um Haaresbreite. Mit unmenschlicher Schnelligkeit wich sie aus. Ich lächelte angesichts der Tatsache, dass sie sich immer mehr daran gewöhnte, ein Teil meines Hofes zu sein. Und sei es nur aus einer Art Reflex.

Im Gegensatz zu ihrem lästigen Liebhaber ertrug sie jede Trainingseinheit voller Würde, bis sie zusammenbrach oder ohnmächtig wurde. Manchmal erbrach sie sich – zu meinem großen Vergnügen – mitten auf Rannachs Füße. Wobei es mir noch lieber gewesen wäre, sie hätte ihren Freund vollgekotzt.

Sie wehrte sich noch immer impulsartig gegen die Finsternis. Ich wusste nicht, wie oft ich ihr inzwischen versucht hatte, zu erklären, dass sie sie akzeptieren musste, um sich ihrer zu bemächtigen. Wir mussten sie dazu bringen, ihren inneren Schild zu zerbrechen. Und an diesem Punkt war Emma nicht angelangt. Noch nicht.

Aber ich wagte, zu hoffen.

Im nächsten Moment riss Rannach seine Arme nach vorne, Emma wich nicht aus, sondern kniff die Augen zusammen, augenscheinlich darauf bedacht, die Schatten aus ihrem Gefängnis zu befreien … ein sinnloses Unterfangen. Mein Wächter stieß gegen ihren Brustkorb, ihr Körper prallte mit voller Wucht gegen die Wand des Trainingsraums. Wie eine Puppe blieb sie am Boden liegen.

Kent war inzwischen so aufgebracht, dass ich die Hitze spüren konnte, die von seinem Körper ausging. Ein Flimmern erhellte den Raum und sein Licht flackerte über die Wände. Die Emotionen, die er ausströmte, wurden immer intensiver. Nicht schlecht, aber nichts, was mich dazu gebracht hätte, mich seiner annehmen zu wollen. Ich hatte keine große Vorliebe für die Gefühle der Lichtfae – sie erfüllten mich nicht. Das änderte allerdings nichts an der Tatsache, dass ich Kents Gefühle einzuordnen wusste und erkannte, dass er jeden Moment die Beherrschung verlieren würde. Innerhalb der letzten Tage war er zu oft auf Rannach losgegangen.

Hoch mit dir, befahl ich Emma in Gedanken.

Je mehr Zeit sie in meiner Gegenwart verbrachte, desto leichter fiel es mir, ihre Gedanken zu erahnen und ihr meine zu verstehen zu geben. Unsere Verbindung wurde von Tag zu Tag stärker.

Steh auf, sonst wird dein Liebster in Ohnmacht fallen. Er ist schon ganz grün im Gesicht.

Ich sah, wie sie den Kopf hob und in meine Richtung starrte. Durch den Einwegspiegel konnte sie bloß ihr eigenes Spiegelbild sehen – und trotzdem blickte sie mir direkt in die Augen. Als wüsste sie, dass ich mich direkt dahinter befand. Sie schenkte mir und Kent ein grimmiges Lächeln, das eher wie ein Zähnefletschen wirkte, und presste ihre Hände entschlossen auf den Grund. Sie hievte sich hoch, deutlich lädiert von ihrem Aufprall, und kam wankend zum Stehen. Blut lief aus ihrem Mundwinkel, das sie in einer brüsken Bewegung wegwischte.

So ist’s brav, lobte ich sie. Und jetzt zeig uns, weshalb du hier bist.

Verschwinde aus meinem Kopf, Belial, gab sie zurück und ließ ihren Nacken kreisen. Ihr Gesicht war schmerzverzerrt.

Ich tastete nach ihrer Seele, strich in Gedanken durch ihren Geist und empfand den Schmerz nach. Dicht unter meiner Haut begann es zu brodeln. Das war das, was ich wollte, was ich brauchte, was meinen Atem stocken ließ. Doch bevor ich fortfahren konnte, um ihr etwas von der Last abzunehmen und mich zu stärken, hatte Rannach wieder nach vorne gelangt. Diesmal fegte er ihr die Beine unter dem Körper weg. Ihr Kopf schlug auf dem Boden auf. Schlagartig wurde unsere Verbindung gekappt.

Diesmal stand Emma nicht mehr auf.

Ich hob eine Braue und warf Rannach einen tadelnden Blick zu, obwohl er mich hinter dem Spiegel nicht sehen konnte.

„Ich. Werde. Ihn. Töten.“ Kent ließ mein Buch zu Boden fallen und stürmte aus dem Raum. Das Türknallen ließ die Wände erbeben.

Mit einem Seufzen hob ich die Hand und befahl den Schatten, Große Erwartungenvom Boden aufzuklauben. Wut durchzuckte mich, als ich sah, dass es zahlreiche Knicke in den Seiten hatte. Dieser Narr! Die Dunkelheit gab ein zustimmendes Fauchen von sich und lavaartiger Zorn flutete meine Adern.

Eines meiner Lieblingsbücher hatte Eselsohren, mein bewusstloses Schattenmädchen bekam die Dunkelheit nicht in den Griff und ich würde einen meiner Wächter vor dem Zorn eines Gancanaghs bewahren müssen, der ein Gejagter des Lichthofs war.

Fabelhaft.

Was hatte ich mir nur eingebrockt?

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